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Konferenz "Respekt statt Ressentiment" - Bericht Forum 1 "Gott, Familie, Abendland"

LGBTI haben nach Jahrzehnte langen Anstrengungen für eine gesellschaftliche Gleichstellung in Deutschland nach und nach öffentliche Aufmerksamkeit und einige rechtliche Erfolge erzielen können. Doch die Akzeptanz innerhalb der Zivilgesellschaft ist immer noch gering, homo- und transfeindliche Diskriminierungen finden alltäglich statt und seid einiger Zeit mobilisieren Antifeminist_innen, religiöse Fundamentalist_innen und Rechtspopulist_innen verstärkt gegen LGBTI und finden dabei häufig Anschluss in der „Mitte“ der Gesellschaft. Auf der Konferenz „Respekt statt Ressentiment“, die die Amadeu Antonio Stiftung gemeinsam mit dem Lesben- und Schwulenverband Deutschland organisiert hatte, erläuterten der Soziologe Andreas Kemper und die Geschlechterforscherin Juliane Lang im Forum „Gott, Familie, Abendland“ die Überschneidungen der Geschlechterbilder von AfD, Nationalkonservativen und extrem Rechten mit den Einstellungen der gesellschaftlichen „Mitte“, ihre Diskurse und Bündnisse.

Andreas Kemper führte in seinem Vortrag aus, dass innerhalb der Diskussion von Diskriminierungsformen die Analysekategorie „Klasse“ häufig vergessen wird, sie aber für das Verständnis der AfD und ihrer Geschlechterpolitik äußerst wichtig sei. Die Partei setze sich aus drei Klassen zusammen: den paternalistisch ausgerichteten Familienunternehmen, dem Adel und dem Kleinbürgertum. Die Interessenvertretung dieser Fraktionen nehme dementsprechend drei verschiedene Perspektiven ein: Die Seite der Familienunternehmen mit Vertreter_innen wie Hans-Olaf Henkel sei neoliberal ausgerichtet, der Adel beispielsweise wie Beatrix von Storch durch klerikal-aristokratisch Netzwerke vertreten und das Kleinbürgertum von Nationalkonservativen bis Neurechten wie Alexander Gauland, Frauke Petry und Björn Höcke. Die Strömungen zeichneten sich alle durch ein konservatives Geschlechterbild und homofeindliche Einstellungen aus.

Die Neoliberalen sprächen sich gegen die Frauenquote und für ein Familienwahlrecht, das die Stimmen der Eltern um die Zahl ihrer Kinder steigern soll aus. Mit diesen Maßnahmen und mit der Kinderrente, die den Eltern einen einkommensabhängigen Zuschuss als Rente der Kinder auszahlt und von den erwachsenen Kindern später anteilig und je nach Kinderanzahl zurückgezahlt werden muss, wollten sie die Bevölkerungspolitik durch die Geburtenrate der traditionellen heterosexuellen Familie fördern.

In den klerikal-aristokratisch Netzwerken arbeiteten erzkonservative Katholiken darauf hin, Europa neu zu missionieren und die Hierarchisierung der Gesellschaft voranzutreiben, unterstützt von fundamentalistischen Glaubensgemeinschaften wie der „Kirche in Not“ und den „Legionären Christi“, die mitunter mit den Geldern von verbündeten Millionär_innen ihre Ideologie verbreiten würden.

Nationalkonservative bis Neurechte scharten sich um Vertreter_innen wie Alexander Gauland, Frauke Petry und Björn Höcke, die die Deutschen als organisch gewachsenes „Volk“ ansähen, in das sich keine Migrant_innen integrieren könnten. Sie befürchteten eine „demografische Katastrophe“, die sie mit eine Politik der Drei-Kinder-Familien aufhalten wollten. Nur Heterosexualität könne die deutsche „Hochkultur“ befördern so Björn Höcke, Gendermainstreaming sei eine Geisteskrankheit und gemeinsam mit political correctness der „3. Totalitarismus“ nach dem Nationalsozialismus und dem Stalinismus.

Juliane Lang beschrieb die rechte Szene als generell zerstritten, beim Thema Gender aber einig im Vorgehen. Sie machte zwei Wellen der Angriffe Rechter auf das Thema aus: Die erste Welle beschrieb sie in einem Zeitraum von Juni 2006 bis 2009, ausgelöst durch die konservativen Äußerungen der ehemaligen Fernsehmoderatorin Eva Herman über die Rolle der Frau und der Mutterschaft in der Gesellschaft, gefolgt von einem FAZ-Artikel von Volker Zastrow, in dem er Gendermainstreaming als „politische Geschlechtsumwandlung“ bezeichnete. Publikationen wie die neurechte „Junge Freiheit“ und das heutige Presseorgan der NPD, die „Deutsche Stimme“, griffen den Tenor auf, das Portal „Free Gender – Genderterror abschaffen“ einiger rechter Thüringer Aktivistinnen wurde zum szeneweiten Ansprechportal für das Thema. Im Verlauf der Debatte schufen die Neurechten den Begriff „Genderismus“, ein Feindbild, das sie als Waffe gegen das deutsche „Volk“ ausgelegten.

Die zweite Welle der Angriffe begann laut Lang im Herbst 2013 und dauert bis heute an: Die Strategien blieben die gleichen, der Fokus aber verschob sich von Gender als Gleichstellungsstrategie hin zum „Unschuldsobjekt Kind“. Die AfD entwickelte sich von einer Anti-Euro-Partei zu einer Anti-Genderpartei und konnte dadurch ihre ersten Wahlerfolge verzeichnen. Sie vertrete einen Familienpopulismus, durch den sie anschlussfähig werde, eigentlich gehe es ihr aber um den Privilegienerhalt der Klassenfraktionen. Sie trete dabei nicht völkisch, sondern antimodern auf. Sie teile die Ideen mit dem Bündnis „Besorgte Eltern“, die sich zwar von Rechten distanzierten, aber auf die selbe Weise gegen Gender polemisierten. Selbst ernannte „Lebensschützer“, die neben ihrem Kampf gegen Abtreibung die Einschränkung reproduktiver Rechte forderten, teilten mit den Rechten die Idee vom Erhalt der „Volksgemeinschaft“. Die NPD und ihre Frauenorganisation, der Ring Nationaler Frauen, setzten sich für ein Müttergehalt und Familienkredite ein, wodurch sie die Bevorzugung deutscher, heterosexueller Paare vorantreiben wollten.

Juliane Lang schloss mit der These, dass sich die Gender- und Feminismuskritik in unterschiedlichen Länder stark ähnele, auch wenn die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sehr unterschiedlich wären, weshalb es erkennbar keinen Feminismus brauche, um antifeministische Kräfte zu bedienen. Antifeminist_innen würden darauf abzielen, die Deutungsmacht in gesellschaftlich relevanten Diskursen zu übernehmen. Rechte Gruppierungen und Parteien seien mit dem Thema Geschlechter- und Familienpolitik deutlich erfolgreicher als mit einer Anti-EU-Politik, weil sie damit anschlussfähiger an die gesellschaftlichen Diskurse um die Geschlechterordnung seien.

In der folgenden Debatte mit dem Publikum wurden gemeinsame Strategien zum Umgang mit den Angriffen der Antifeminist_innen, Rechtspopulist_innen und (extrem) Rechten herausgearbeitet. Wichtig war es den Teilnehmer_innen, das Thema Gender und Gleichstellung aus seiner gesellschaftlichen Nische zu holen, eine breite Auseinandersetzung darüber anzuregen und heterogene Bündnisse zu schließen. Auch sollten neue Bildungsformate entwickelt werden, die für mehr Aufklärung sorgen und eine einfachere Sprache verwendet werden, die den Zugang zum Thema erleichtern sowie mehr Verständnis hervorbringen würde.

 

Zoé Sona