Volkstümelndes Treiben

 

NPD-Anhänger in Mecklenburg-Vorpommern zelebrierten am Herbst 2010 ein Erntedankfest und waren beim Volksfest in Lübtheen zugegen.

Ausgerechnet im ehemaligen NS-„Reichsmusterdorf“ Benz-Briest feierten die mecklenburgischen Neonazis am vergangenen Sonntag ungestört ihr Erntedankfest. Dort, wo bis vor einiger Zeit noch Hakenkreuz und andere Runen das Gebälk der Backsteinhäuser zierten, trafen sich über 100 Neonazis aus Norddeutschland. Auf dem weitläufigen Gelände des ehemaligen Edelsteinhändlers und Uhrmachers Udo Pastörs, Fraktionschef der NPD im Schweriner Landtag, neben Villa und Buchsbaumanlage, hatten die Organisatoren zwei große Zelte und diverse Stände aufgebaut. Zahlreiche Autos unter anderem aus Ratzeburg, Hamburg, Lüneburg, Wismar, Nordwestmecklenburg und der heimischen Region parkten auf der gegenüberliegende Weide.

Geladen hatten neben dem NPD-Kreisverband Westmecklenburg unter Andreas Theißen auch noch die „Gemeinschaft Deutscher Frauen“, die Jungen Nationaldemokraten sowie ein „Freundeskreis Thinghaus“ um Sven Krüger und „Mutter- und Kindgruppen“. So war es auch nicht verwunderlich, dass die Gäste in sehr traditioneller völkischer Kleidung anreisten. Alt und jung waren vertreten. Zur Deckung der Unkosten war eine kleine „Spende“ erbeten worden.

Wichtige Rolle für den „deutschen Bauern“

Dass das Erntedankfest in heimattreuen Köpfen nicht nur an Massenaufmarsch und Brauchtumsfeier auf dem Bückeberg 1933 bei Hameln erinnert, sondern vor allem im politischen Kontext steht, wird durch interne Überlegungen erkennbar. So verbinden NPD-Anhänger mit einem starken Bauerntum durchaus volks- und staatspolitische Aufgaben. Unter zukünftiger nationaler Führung soll dem „deutschen Bauern und seiner Scholle“ demnach eine wichtige Rolle zukommen. Gerade „in Krisenzeiten“ wird das Herkömmliche und Naturnahe gepflegt.

Heimelig klang das Angebot beim diesjährigen Erntefest in Briest. Alles drehte sich um Erntekrone, Volkstanz, Kürbisse und Eintopf. Volkstümlich sollte es bei der NPD zugehen. Bäuerliche Arbeitsgeräte wurden gezeigt, Spiele für die Kinder organisiert, die Frauen boten Kuchen und selbst gemachte Marmelade feil, Imker verkauften Honig und eine Bläsergruppe spielte auf.

Der schöne Schein vom ländlichen Idyll

Dabei scheint kaum ein aktiver Landwirt innerhalb der mecklenburgischen NPD vertreten. Auch setzen sich Neonazis wenig mit zunehmender Massentierhaltung, Querelen um Milchpreise oder Probleme der industriellen Agrarwirtschaft im nördlichen Flächenland auseinander. Die meisten Aktivisten sind zugezogene Städter, die den schönen Schein vom ländlichen Idyll wahren wollen.

Die Polizei war erst kurzfristig über den Veranstaltungsort informiert und „bestreifte“ das Gebiet. Einsatzkräfte sammelten sich gegen Spätnachmittag in der Region. Protest gab es keinen. Das Pastörs-Anwesen liegt in einer sehr abgelegenen Sackgasse, die Straße ist von dort sehr gut einsehbar. Neben den ortsansässigen Organisatoren wie Theißen, Stefan Köster, Torgej Klingbiel und Pastörs feierte auch mindestens ein jüngerer Anführer aus den Reihen der verbotenen „Heimattreuen Deutschen Jugend“ neben festlich gekleideten, bulligen Glatzköpfen mit. Kaum trauen sich kritische Menschen aus der Umgebung bei solchen Veranstaltungen nach Briest.

Als Nachbarn „angekommen“

Udo Pastörs und sein Gefolge nahmen dagegen selbstbewusst die Gelegenheit wahr und zeigten einen Tag zuvor, am 18. September, Präsens beim alljährlichen, gut besuchten „Lindenfest“ im Zentrum von Lübtheen. Angehörige des Bündnisses „Wir für Lübtheen“ beobachteten, dass sich die Gruppe die meiste Zeit im Pulk am Getränkestand aufstellte und dann geschlossen wieder verschwand. Eine Pressemitteilung des Landesarbeitskreises der Jusos in Mecklenburg-Vorpommern klingt dramatischer, darin heißt es, die NPD-Mitglieder seien als Nachbarn „angekommen“. Besorgt nimmt man zur Kenntnis, dass Pastörs beim diesjährigen Lindenfest „nicht mehr auf die Menschen zu gehen“ müsse, sondern diese seien auf ihn zugegangen, heißt es in der Pressemitteilung. So hätten an dem Samstag einige den NPD-Fraktionschef und seinen Tross „freudestrahlend“ begrüßt.

Die NPD nutzte das Volksfest in Lübtheen am 18. September, um massiv Flyer für ihre Kampagne „Netzwerk für Tolerie und Demokranz“ zu verteilen. Am Bürgerbüro in Grevesmühlen prangt ein Schild mit dieser Aufschrift. Experten vermuten dahinter David Petereit und dessen Bemühungen, der steifen NPD auch einen satirischen Touch zu geben. Das NPD-Netzwerk macht sich über zivilgesellschaftliches Engagement lustig und zieht über demokratische Grundwerte her; unter anderem heißt es bei den Neonazis ironisch: „Wir setzen uns ein für ein internationales Genlabor: Völker kann man auch in Reagenzgläsern erhalten!“

22. 09. 2010 - Andrea Röpke/Maik Baumgärtner
Artikel zuerst erschienen auf www.bnr.de