von sludgegulper, cc

 

„Gleichberechtigungspolitik in der DDR zwischen Anspruch und Wirklichkeit“


„Wir gewährleisten allen Bürgern unseres Landes - Männern wie Frauen - gleiche Rechte, und wir können deshalb auch ohne Einschränkung sagen, dass in der Deutschen Demokratischen Republik die Gleichberechtigung der Frau verwirklicht ist“, so äußerte sich Inge Lange in einer Rede auf dem VIII. SED-Parteitag im Juni 1971. Mit Anspruch und Wirklichkeit der staatlichen Geschlechterpolitik in der DDR beschäftigte sich ein Themenabend am 28. Oktober in Ludwigslust, welcher im Rahmen des Politischen Salons, eines der Teilprojekte von „Lola für Lulu“, stattfand.


Ein Interview mit der Politikwissenschaftlerin Dr. Sandra Pingel-Schliemann, die die Veranstaltung moderierte.

Im Projekt „Lola für Lulu“ geht es ja um Rechtsextremismusprävention aus genderreflektierter Perspektive. Wie kam es dazu, dass Sie das Thema „Geschlechterpolitiken in der DDR“ für den Salon gewählt haben? Was hat Sie dazu inhaltlich motiviert?

Wir arbeiten mit einer Generation von Frauen im Landkreis Ludwigslust zusammen, die in der DDR sozialisiert worden sind. Dass, was sie jahrelang in der Diktatur erlebt und erlernt haben, war doch nach dem Fall der Mauer nicht plötzlich verschwunden. Im Gegenteil: Die jahrelange Sozialisation, zumal mit starken staatlichen Einflüssen, prägt bis heute. Das merken wir in Gesprächen und im Rahmen unseres Trainingsprogramms „Augen-Blick-Mal“, das wir mit Pädagoginnen durchführen. Viele Frauen, die in der DDR aufgewachsen sind, vertreten beispielsweise die Auffassung, dass sie in der DDR emanzipiert und den Männern gegenüber gleichberechtigt waren. Und genau das wollten wir mit diesem Salon hinterfragen und eine kritische Reflektion der Geschlechterpolitik in der DDR anstoßen. Oder konkret gefragt: Wie konnte die Emanzipation der Frau in einem totalitär verfassten Staat überhaupt funktionieren?

Sie haben Frau Dietlind Glüer als Referentin zum Salon eingeladen. Worüber erzählte Frau Glüer?

Ich habe mich sehr gefreut, dass wir Dietlind Glüer als Referentin zu dem Thema gewinnen konnten. Dietlind Glüer wurde 1937 in Ostpreußen geboren, flüchtete 1945 nach Mecklenburg, machte in Rostock ihr Abitur und nahm in den 50er Jahren eine Ausbildung als Gemeindepädagogin auf, anschließend war sie in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit in Güstrow und Rostock-Südstadt tätig. 1974 bis zum politischen Umbruch in der DDR arbeitete sie als Referentin für Familienarbeit in der Evangelischen Kirche. Sie konnte uns somit aus eigenem Erleben erzählen, was „Frau-sein“ in der DDR bedeutete und sie hatte natürlich auch einen besonderen Blick. Sie stammt aus einem Milieu, in dem die Emanzipation der Frau kritischer hinterfragt wurde als außerhalb der Kirchenmauern. Frau Glüer hat in ihrem Vortrag sehr deutlich gemacht, dass Geschlechterpolitik von „oben“ verordnet wurde, sie wurde nicht verhandelt, sondern beschlossen und sie war ein ideologisches Instrument der SED. Politische Dokumente dazu gibt es zur Genüge. Die Machthaber in der DDR setzten Gleichberechtigung nahezu ausschließlich mit der Pflicht von Frauen und Männern gleich, arbeiten zu gehen. Was das für Folgen für die Frauen hatte, machte Frau Glüer vor allem ersichtlich, in dem sie Passagen aus dem Buch von Maxie Wander „Guten Morgen, du Schöne“ las und dies noch mit Anekdoten aus dem eigenen Leben bereicherte.

Welche Punkte waren Ihnen in der Diskussion mit dem Publikum besonders wichtig und welches Fazit würden Sie ziehen?

Mir war es wichtig, den gegenwärtigen Disput hinsichtlich der Einschätzung der Geschlechterpolitik in der DDR herauszustellen. Denn für die einen ist die hohe Erwerbsbeteiligung von Frauen in der DDR und die Selbstverständlichkeit der zeitlichen Parallelität von Beruf und Familie ein Nachweis des erreichten Niveaus der Gleichberechtigung und der Emanzipation; für die anderen ist sie Ausdruck einer rigiden Politik zur möglichst vollständigen Integration von Frauen in die Erwerbsarbeit und wird als Aufnötigung einer permanenten Doppelbelastung verstanden. Dieser Disput war ein guter Anlass, dass die anwesenden Frauen, ihre eigenen, ohne Frage ebenfalls unterschiedlichen Positionen, zu dem Thema darlegen, aber im Diskussionsprozess auch reflektieren konnten.

Die Gleichberechtigung zwischen Frau und Mann wurde in der DDR als besonderes Symbol für die moralische Überlegenheit gegenüber der Bundesrepublik herangezogen und war fester Bestandteil der Regierungspolitik. Wie stellte sich diese paternalistische, „von oben“ verordnete, Gleichberechtigungspolitik dar?

So wie es Dietlind Glüer in Ihrem Vortrag deutlich gemacht hat: Hinter dem Begriff der Gleichberechtigungspolitik verbarg sich nichts anderes, als der ökonomische und ideologische Zwang, Frauen in Arbeit zu bringen. Das schuf natürlich ein Bild von der Frau, zu dem einem Attribute wie selbstbewusst, ökonomisch unabhängig, meisterlich in der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, einfallen. Aber wir müssen auch die andere Seite der Medaille betrachten: Die Doppelbelastung von Familie und Beruf, der Frauen in der DDR ausgesetzt waren, war bei einer 42 Stunden Arbeitswoche extrem. Und bei aller Aufopferung hatten sie nicht wie die Männer die gleichen Chancen für ihre berufliche Entwicklung oder für gesellschaftliche Mitbestimmung, von der Verwirklichung individueller Ziele ganz zu schweigen. Die fast ausschließlich an die Adresse von Frauen gerichteten Regelungen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf manifestierten zudem traditionelle Rollenzuweisungen und verfestigten die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung.

Wie wirken sich diese strukturellen Rahmenbedingungen ihrer Meinung nach bis heute auf die Erwerbstätigkeit und die Gleichberechtigung der Frauen in den neuen Bundesländern aus?

Die Frauen in Ostdeutschland haben nach wie vor einen hohen Anspruch an Erwerbstätigkeit. In der Regel sind sie auch immer noch diejenigen, die versuchen, Familie und Beruf gleichsam zu managen. Die zeitliche Parallelität von Beruf und Familie und die dadurch gewährleistete ökonomische Unabhängigkeit sind wichtige Bestandteile der Identität von Frauen, die in der DDR sozialisiert wurden, und sie sind Bewertungsmaßstab der eigenen Emanzipation.

Das Interview führte Jennifer Teufel.