„Lola für Lulu“ – 1. Politischer Salon, 27. November 2008:

 
 

Die Lebenssituation von Migrantinnen


Im Landkreis Ludwigslust leben 1400 MigrantInnen. Im ersten politischen Salon des Projektes „Lola für Lulu“ erzählten zwei Frauen ihre Geschichte – von den Schwierigkeiten, die sie als Migrantinnen meistern müssen, aber auch von gelungener Integration in einer neuen Umgebung.


In der Amadeu Antonio Stiftung, die das Projekt „Lola für Lulu“ ins Leben gerufen hat, ist Unterstützung und Empowerment von Flüchtlingen und MigrantInnen immer wieder ein wichtiges Thema. Aus diesem Grund war dies ein guter Einstieg für den ersten Politischen Salon. Denn bei „Lola für Lulu“ geht es unter anderem darum, die Perspektive der Mehrheitsgesellschaft auf die Situation von Frauen zu legen, die neu in den Landkreis Ludwigslust eingewandert sind. Dazu wurden zwei Frauen eingeladen, die aus ihrem Leben als „Zugezogene“ berichten – über die erfreulichen Aspekte ebenso wie über die vielen Schwierigkeiten, die sie im Alltag zu bewältigen hatten und haben. An der Diskussion beteiligten sich außerdem die Bürgermeisterin der Stadt Ludwigslust Petra Billerbeck, die Integrations- und Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Heidrun Dräger, sowie Katharina Stahl, die durch ihre Projektarbeit in der Arbeiterwohlfahrt mehrjährige Erfahrungen mit Spätaussiedlern gesammelt hat.

Ein Neubeginn im Landkreis Ludwigslust

Elena S. kam gemeinsam mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern aus Russland nach Deutschland. Finanziell ging es ihnen in Russland schlecht, sie kamen nicht über die Runden. Elena’s Eltern stammen ursprünglich aus Deutschland, die Mutter schwärmte noch im hohen Alter von Deutschland als einer Art „Traumland“. So reifte in Elena S. und ihrem Mann der Entschluss, in Deutschland noch einmal ganz von vorne zu beginnen, um den Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen. Im Jahr 2000 ließen sie sich in der Kleinstadt Hagenow im Landkreis Ludwigslust nieder. Die Eingewöhnung in einer völlig neuen Umgebung fiel Elena S. nicht leicht, für ihre Kinder war es noch schwieriger: „Als wir ankamen, waren sie neun und dreizehn Jahre alt“, erinnert sie sich, „sie haben damals kein Wort Deutsch gesprochen, was in erster Linie in der Schule ein Problem war“.

Durch die Erfahrungen mit ihren eigenen Kindern kann sich Elena gut in die Schwierigkeiten von Kindern hineinversetzen, die im Flüchtlingsheim Ludwigslust leben. Zweimal in der Woche, jeden Dienstag und Donnerstag, bietet Elena S. dort Hausaufgabenhilfe an. Die Gruppe ist mal größer, mal etwas kleiner, maximal besteht sie aus fünfzehn Kindern, der Großteil besucht die Grundschule. Da die Eltern in der Regel wenig Deutsch sprechen und ihren Kindern daher kaum helfen können, kümmert sich Elena S. darum, dass die Schülerinnen und Schüler wegen sprachlicher Probleme nicht auf der Strecke bleiben.

Nach acht Jahren in Mecklenburg-Vorpommern fühlt sich Elena jetzt durchaus zu Hause dort. Doch in der Region Wurzeln schlagen, das funktioniert nicht von heute auf morgen. Und eigentlich könnte sie in Deutschland noch viel mehr aus ihrem Leben machen, wenn die Gesetzeslage eine andere wäre. Denn Elena S. ist ausgebildete Lehrerin, in ihrem früheren Leben in Russland hat sie 20 Jahre lang russische Sprache und Literatur gelehrt. An diese Erfahrungen kann sie in Deutschland jedoch nicht anknüpfen, die Ausübung des Lehrberufs blieb ihr bislang verwehrt. „Wir haben hier Migrantinnen, die hoch qualifiziert sind, aber ihre Abschlüsse werden hierzulande nicht anerkannt“, erzählt Heidrun Dräger, die als Integrations- und Gleichstellungsbeauftragte im Landkreis viel über die Lebenssituation von Migrantinnen zu berichten weiß. So könnten im Ausland ausgebildete Lehrerinnen oder Bibliothekarinnen in Deutschland nicht einfach in diesen Berufen weiterarbeiten.

“Migrantinnen sind eine echte Bereicherung für die Region“

Umso wichtiger, dass diese Frauen die Möglichkeit erhalten, die deutsche Sprache zu erlernen und zu perfektionieren, um zumindest als Beraterinnen oder Projektleiterinnen eine alternative Arbeit leisten zu können, die ihrem Ausbildungsniveau entspricht. Elena S. hilft nicht nur Schülerinnen und Schülern bei den Hausaufgaben, sie hat im Rahmen ihrer Tätigkeit in der örtlichen Arbeiterwohlfahrt auch ein Literaturprojekt mit ins Leben gerufen. Die Idee: die deutschen stellen den russischstämmigen TeilnehmerInnen Werke bedeutender deutscher AutorInnen vor, und die russischstämmigen TeilnehmerInnen präsentieren Werke russischer AutorInnen.

„Das Projekt ist für Elena eine Möglichkeit, ihre Erfahrungen und ihr Wissen in die Arbeit einzubringen und dadurch mehr Anerkennung zu erfahren“, schwärmt Katharina Stahl, die ebenfalls in der Arbeiterwohlfahrt tätig ist. „Wir wollen mit diesem Projekt zeigen, dass Migranten mit ihren Erfahrungen und Ideen eine Bereicherung für die Region sind und nicht immer nur als Bürde wahrgenommen werden, die die Staatskassen belasten“. Sicherlich, so Stahl, gebe es auch MigrantInnen, die sich abschotten, aber viele bemühen sich darum, sich in die Mehrheitsgesellschaft zu integrieren. Wie auch Elena S., die von Anfang an nach außen gegangen und den Kontakt zu den Einheimischen gesucht hat.

“Mein Hobby hat mir bei der Integration geholfen“

Eine ähnlich selbstbewusste Frau ist Halyna K. aus Rostock. Sie stammt aus der Ukraine und entschied sich vor dem Hintergrund der politischen Umwälzungen und Unsicherheiten 2004 zur Auswanderung nach Deutschland. Mit ihr kamen ihre Eltern, ihr Mann und ihre beiden Söhne. Im Vergleich zu vielen anderen Migranten erhielt die Familie K. relativ schnell eine Einwanderungserlaubnis: nach acht Monaten Wartezeit erhielten sie die nötigen Papiere für den ersehnten Umzug in die Bundesrepublik. Der ältere Sohn war bei der Ankunft in Rostock dreizehn Jahre alt – für seine Mutter das „Grenzalter“, bis zu dem eine Integration relativ problemlos funktionieren kann. Inzwischen bereitet ihr Sohn sich auf das Abitur vor.

Doch die Gewöhnung an eine völlig neue Umgebung und Lebenssituation war alles andere als einfach. Nach ihrer Ankunft in Rostock wurde die Familie K. zunächst in einem Wohnheim untergebracht, in einer Einzimmerwohnung mit Küche. Frau K. und ihre Familie haben sich in der Ostseestadt eine völlig neue Existenz aufgebaut, aber ganz allein waren sie nicht auf sich gestellt: „Ich hatte glücklicherweise Verwandte in Hamburg“, erzählt K., „meine Kusine kam gleich nach dem Tag unserer Ankunft mit dem Auto, um uns bei der Orientierung in der neuen Stadt zu helfen“. Familie K. entschied sich von Beginn an für die „Flucht nach vorn“: anstatt sich abzuschotten, lernte die Familie schnell die deutsche Sprache und nahm integrative Freizeitangebote wahr. „Mein Hobby hat mir dabei sehr geholfen“, erinnert sich Halyna K.: „Ich singe seit mehr als zwei Jahren in einem Frauenchor, aber wir singen nicht nur zusammen, sondern treffen uns regelmäßig zum gemeinsamen Feiern!“

Zwar haben ihr diese Freizeitangebote die Integration erleichtert, doch die gelernte Zahnärztin hat bis heute noch keine Chance erhalten, ihren alten Beruf auch in Rostock auszuüben. Derzeit bereitet sie sich auf eine Prüfung vor, mit der die Gleichwertigkeit ihrer Ausbildung anerkannt wird. Ihr Mann hat bereits angefangen, als Arzt in Westdeutschland zu arbeiten, da er in Rostock keine Stelle gefunden hat. „Diese Situation ist eine Belastung für mich“, so Frau K.,denn ich muss jetzt natürlich zu Hause mehr erledigen als früher“.

Ein Sprachkurs als Sprungbrett

Im Landkreis Ludwigslust leben insgesamt rund 1400 MigrantInnen, viele von ihnen sind Frauen und Mädchen. Ein nicht unerheblicher Teil stellen Asylsuchende dar, die häufig ohne Papiere in Deutschland ankommen und aus diesem Grund keine Arbeit erhalten. Aber auch diejenigen MigrantInnen, die mit gültigen Papieren nach Deutschland gekommen sind, müssen um ihre Gleichberechtigung kämpfen. Einer der wichtigsten Faktoren für eine gelungene Integration stellt das Beherrschen der deutschen Sprache dar. Eine laufende Spendenkampagne der Amadeu Antonio Stiftung sammelt Geld, um Migrantinnen, die selbst nicht für die Kosten aufkommen können, die Teilnahme am Sprachkurs „Deutsch für den Beruf“ zu ermöglichen – damit sie ähnlich wie Elena S. ihre im Heimatland erworbenen Fähigkeiten konkret im Berufsalltag anwenden können. Petra Billerbeck, die Bürgermeisterin von Ludwigslust, hat sich von den Lebensgeschichten der beiden Gäste überzeugen lassen: sie wird einer der Migrantinnen die Teilnahme am Sprachkurs ermöglichen. Für die anderen Teilnehmerinnen werden weitere Mittel benötigt – die Amadeu Antonio Stiftung freut sich über Ihre Spende (>mehr).

Jan Schwab