Ordnung, Disziplin und Gleichschritt?


„Massive Fluchtgedanken“ beschäftigten die Schriftstellerin Claudia Rusch in der „fröhlichen kleinen Republik“, in der „Ordnung, Disziplin und Gleichschritt höchste Priorität“ hatten. Rege Diskussionen gab es am 22. April im Politischen Salon in Ludwigslust.

„Niemand würde jemals wieder ungerechtfertigt solche Macht über mich besitzen“, liest Claudia Rusch aus ihrem Buch „Meine freie deutsche Jugend“ vor. Am 22. April war sie zu Gast beim politischen Salon des Projektes „Lola für Lulu“ in Ludwigslust. Es war ein Abend voller Geschichten und Diskussionen um die Kontinuitäten der DDR, die Widersprüche im DDR-Alltag und über die Frage, was Demokratie heute mit dieser Vergangenheit bedeutet.

„So banal war das also“

Rusch war 18 Jahre alt, als die Mauer fiel.. Sie berichtete von Geschichten aus ihrer Kindheit und Jugend in der DDR, die geprägt waren von Bürgerrechtsbewegung und Überwachung durch die Staatssicherheit, da ihre Mutter mit Katja und Robert Havemann befreundet und im Dissidentenmilieu zu Hause war. Die Autorin wohnte die ersten Jahre ihres Lebens auf der Insel Rügen. Sie beschreibt, wie sehr die Fähre, die zweimal täglich von Saßnitz nach Schweden fuhr, mit einer Sehnsucht nach Freiheit verbunden war. Doch die Träume in der DDR passten nicht so recht zur Realität nach dem Mauerfall. Nach dem politischen Umbruch 1989 wurde auf andere Weise erkennbar, wie begrenzt die eigenen Entscheidungen im sozialistischen Alltag waren:. „Das war keine Rührung, das war Wut. So banal war das also. Alltäglich, nichts sagend. Einfach nur die Grenze nach Schweden. Bitte treten sie durch, hier gibt es nichts zu sehen, gehen sie einfach weiter“, liest Rusch aus der Geschichte „Die Schwedenfähre“ vor.

Kollektiv vor Individuum

„War doch nicht alles schlecht. Das Problem an diesem Satz ist, dass er eigentlich meint: War doch alles gut. Aber das war es nicht“, stellt Rusch in ihrem Buch „Aufbau Ost. Unterwegs zwischen Zinnowitz und Zwickau“ klar. „In der realsozialistischen Gesellschaft verlor sich das Individuum, verantwortlich waren immer andere – und am Ende meistens keiner“, ist in der Geschichte „Bezirk Magdeburg: SCHATTEN“ zu lesen. „Manche Kinder dieser Osterziehung, heute die großen Brüder des Nazi-Nachwuchses, haben nie gelernt, ohne schützende Gruppe stark zu sein“, so Rusch weiter. Neonazis sind kein rein ostdeutsches Problem. Doch Drill zur Gemeinschaft und Parteirichtlinien ohne jeglichen Diskussionsspielraum mögen das Ihrige dazu beigetragen haben.

„Demokratie ist eine Haltung“

Was bedeutet diese Vergangenheit heute in Mecklenburg-Vorpommern? Wie arbeitet man mit dieser Vergangenheit? Und welche Konsequenzen zieht man aus ihr? Kontinuitäten dürfe man jedenfalls nicht leugnen, erklärte ein Teilnehmer. Verklärende Ostalgie stellt die historische Brille unscharf. Nur mit einem offenen und kritischen Verhältnis zur Vergangenheit ist es möglich, heute eine demokratische Kultur aufzubauen. „Demokratie ist eine Haltung“, so Anne-Rose Wergin von der Amadeu Antonio Stiftung. Zu diskutieren bleibt noch viel.

Von Nora Winter