CORAktuell über die Broschüre Instrumentalisierung des Themas "sexueller Missbrauch" durch Neonazis

Leider ist in den letzten Jahren immer wieder zu beobachten, dass Rechtsextreme, Rechtsradikale und Neonazis das Thema des sexuellen Kindesmiss­brauchs aufgreifen und für ihre politi­schen Zwecke einsetzen. Vereine, Orga­nisationen und Initiativen, die sich mit Aufklärung, Prävention oder Aufarbei­tung von sexuellem Kindesmissbrauch beschäftigen, werden dabei gezielt von diesen Rechten Gruppen instrumenta­lisiert.

Sexueller Kindesmissbrauch ist ein hochemotionales Thema. Rechtsextre­me präsentieren sich mit ihrem Appell „Todesstrafe für Kinderschänder“ als tatkräftige politische Alternative und versuchen so Anschluss in der Mitte der Gesellschaft zu finden. Mit ihren dras­tischen Darstellungen und Forderungen bedienen sie den Voyeurismus, schüren Ängste und legen den Fokus auf die Tä­ter und Täterinnen. „Rechtsextremen geht es nicht um die Unterstützung von Betroffenen bei der Bewältigung des Er­lebten oder die Prävention von sexuel­lem Missbrauch. Vielmehr geht es ihnen um Aufmerksamkeit, Wählerstimmen und neue Mitglieder. Ihre Forderungen suggerieren, dass das komplexe Thema der sexualisierten Gewalt durch schnel­les und direktes Handeln – nämlich die Rache an den Tätern durch drastische Strafen – zu lösen sei. Dabei werden rechtsstattliche und menschenrechtli­che Grundsätze missachtet,“ warnt der Missbrauchsbeauftragte der Bundesre­gierung, Johannes-Wilhelm Rörig.“

Doch es findet auch schon hilfreiche Aufklärungsarbeit in diesem Bereich statt:
Bei einer Fachveranstaltung des Pro­jekts „Lola für Ludwigslust“ der Amadeu Antonio Stiftung präsentierte die Erzie­hungswissenschaftlerin und Rechtsex­tremismusexpertin Dr. Esther Lehnert am 18. November 2013 in Ludwigslust aktuelle Erkenntnisse und Analysen zum Thema. Sie beschrieb wie Neonazis, al­len voran die NPD, die Ängste und Sor­gen der Eltern um die Sicherheit ihrer Kinder dazu benutzten, um Stimmung für Radikallösungen zu machen, die außerhalb des Rechtsstaates lägen. Hier träten vor allem rechtsextreme Frauen in Erscheinung, die oft ihre NPD-Mitglied­schaft nicht öffentlich machten, sondern als „besorgte Mütter“ sprächen.

Auch Dr. Lehnert betonte, dass es den Neona­zis nicht um den Schutz der kindlichen Opfer ginge, denn die Forderung nach Todesstrafe führe nicht zu größerer Si­cherheit, sondern im Gegenteil zum Ver­schweigen von Kindesmissbrauch. Dass die Todesstrafe nicht nur gegen rechts­staatliche Standards verstieße, sondern auch ihre Wirkung als Mittel der Krimi­nalitätsprävention verfehle, würden auch Kriminalstatistiken aus den USA zeigen.
Sinnvoll wären stattdessen vor allem demokratiepädagogische Ansätze, Auf klärung und Hilfestrukturen für betroffene Kinder und hilfesuchende Erwachsene.

Betroffenengruppen haben bereits be­gonnen, demokratische, auf rechtsstaat­lichen Standards basierende Leitbilder zu entwickeln und sich in ihrer Öffent­lichkeits- und Vernetzungsarbeit von rechtsextremen Vereinnahmungsversu­chen abzugrenzen. „Lola für Lulu“ und die „Fachstelle Gender und Rechtsex­tremismus“ der Amadeu Antonio Stiftung haben mit der Veröffentlichung der Broschüre „Instrumentalisierung des Themas ‚sexueller Missbrauch‘ durch Neonazis. Strategien und Handlungs­empfehlungen“ dazu einen wichtigen Beitrag geleistet.

 

Zum Originalartikel in CORAktuell Dezember 2013/32. Jahrgang, S. 10/11 (PDF-Dokument, 2.3 MB)