Eine kaum vorstellbare Frage

 
 

Am 10. März 2011 wurde die Ausstellung „Anne Frank – eine Geschichte für heute“ im Ludwigsluster Rathaus eröffnet.

Schon eine halbe Stunde vor Beginn der Eröffnung füllte sich das Rathaus in Ludwigslust. „Ihre Präsenz hier zeigt, dass wir uns mit der Geschichte auseinandersetzen“, fühlte sich der Bürgermeister von Ludwigslust Reinhard Mach angesichts der Masse der Besucherinnen und Besucher veranlasst zu sagen. Sie alle kamen ins Rathaus am 10. März 2011, um die Ausstellung „Anne Frank – eine Geschichte für heute“ zu sehen.

 
 

Völlig neu

„Lola für Lulu“ hatte die Initiative ergriffen und die Ausstellung nach Ludwigslust geholt. Mach war sofort begeistert von der Idee. So fand sie ihren Platz im Rathaus. Die Ausstellung erzählt die Geschichte von Anne Frank, die, versteckt in Amsterdam, ein Tagebuch schrieb, das selbst ihren Vater Otto Frank, der den Holocaust überlebte, beeindruckte. Von ihm erzählte auch Thomas Heppener, Direktor des Anne Frank Zentrums, bei der Eröffnung. „Seine Tochter erschien ihm völlig neu“, so Heppener. Er erfuhr über ihre klugen Gedanken, die er mit ihr nicht mehr besprechen konnte. Denn Anne wurde denunziert und über das Durchgangslager Westerbork nach Auschwitz und Bergen-Belsen deportiert, wo sie im Alter von 15 Jahren an Typhus starb. Einige Passagen aus dem Tagebuch lasen die Schauspielerin Katja Riemann und zwei Jugendliche aus dem Peerleader-Projekt von „Lola für Lulu“.

 
 

Gerettet

„Ich hoffe, dass die Ausstellung noch an vielen weiteren Orten in Mecklenburg-Vorpommern gezeigt wird“, sagte Heppener. Und eigentlich müsst man noch sechs Millionen andere Geschichten erzählen. Und zwar nicht nur die der Opfer. Denn „es muss auch die Geschichte der Täterinnen und Täter, Zuschauerinnen und Zuschauer erzählt werden“, so Heppener. Schließlich sei es leicht auf Nazis zu zeigen, dann müsse man nicht vor der eigenen Haustür kehren. Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung, betonte: „Wenn es um Anne Frank geht, wird eigentlich nicht mehr über sie geredet, sondern die Dinge, die sich um sie ranken.“ Holocaust, Zweiter Weltkrieg, Schuld oder eben auch der jüdische Friedhof in Ludwigslust, der heute nur noch durch ein Mahnmal zu erkennen ist. Doch ihre ganz eigene Geschichte sei es wert, erzählt zu werden. Und vielleicht könne man durch diese Ausstellung auch ein „Gefühl von Wärme für eine junge Frau, die wir leider nicht mehr kennenlernen konnten“, entwickeln. Schon in diesen jungen Jahren zeugt das Tagebuch von einer Klugheit und beeindruckenden Stärke. Was wäre aus Anne Frank geworden, wenn der Holocaust nicht verbrochen worden wäre? Eine kaum vorstellbare Frage. „Ich bin nicht befreit worden“, sagt Erich Kary, Überlebender des KZ Wöbbelin, der auch zur Eröffnung gekommen war. „Ich bin gerettet worden. Befreit von dem, was ich erlebt habe, kann ich nicht werden.“

Jugendliche begleiten durch die Ausstellung. Noch bis zum 14. April kann sie besucht werden.

Von Nora Winter