Stolpersteine: Geschlechterperspektive auf Lokalgeschichte

© Amadeu Antonio Stiftung

 

Am 10. August 2012 war es soweit. In Ludwigslust wurden Stolpersteine verlegt. Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Es beruht auf dem Konzept des Denkmals von unten, das heißt es soll vor Ort die Initiative ergriffen werden, die Geschichten derjenigen zu recherchieren, die durch den Nationalsozialismus verfolgt wurden. Die Stolpersteine sollen an diese Menschen erinnern. In Ludwigsluster wurde so den fünf jüdischen Opfern des Nationalsozialismus gedacht: Auguste Jacobsohn, Anna Kastan sowie Arthur, Beccie und Curt Wolff. Anschließend wurde im Rathaus eine Ausstellung eröffnet, in der die Verfolgungsgeschichten dieser fünf jüdischen Ludwigsluster/innen aus dieser Zeit nachvollzogen werden konnten. Wesentliche Ergebnisse sind nun in drei Flyern – jeweils einem pro Ort – veröffentlicht. Sie liegen im Rathaus und in der Touristeninformation aus und können hier heruntergeladen werden.

Die Verfolgungsgeschichte in Ludwigslust wurde in Ansätzen bereits untersucht. Bernd Kasten hat sich in seinem Buch der „Verfolgung und Deportation der Juden in Mecklenburg 1938–1945“ zugewandt und dabei auch einiges über die Geschehnisse in Ludwigslust herausgefunden. 1938 gab es noch sechs jüdische Ludwigsluster Bürgerinnen und Bürger. 1942 gab es keine mehr. Das hiesige Stadtarchiv hat sich zudem mit der Biographie der Ludwigslusterin Auguste Jacobsohn, die 1942 auf dem Weg ins Pflegeheim verschollen ist, befasst. Ihre Verfolgungsgeschichte wurde bereits bei der Anne Frank-Ausstellung im letzten Frühjahr im Rathaus skizziert. Neben den Lebensgeschichten dieser jüdischen Ludwigsluster gibt es noch weitere Themen, die in Zukunft erforscht werden können. So diente der Bahnhof Ludwigslust im Juli 1942 der Deportation der jüdischen Mecklenburger/innen und der damalige Bürgermeister von Ludwigslust regte die Schließung der jüdischen Friedhöfe in Mecklenburg an.

Ein ganzes Jahr hat die Vorbereitung gedauert. Lola für Lulu koordinierte die Recherchen und die Verlegung in Ludwigslust. Schirmherr des Projekts war der Bürgermeister Herr Reinhard Mach. Die Liste der Kooperationspartner/innen von „Lola für Ludwigslust“ ist lang: die Edith-Stein-Schule, die Evangelische Stadtkirchengemeinde, Geschichtsdidaktik der Freien Universität Berlin, das Goethe-Gymnasium, die Katholische Kirchengemeinde, die Kreisvolkshochschule, der Kunst- und Kulturverein, der Landkreis Ludwigslust-Parchim, die Lenné-Schule LWL, das Luna-Filmtheater, die Stadt Ludwigslust, der Verein Mahn- und Gedenkstätten im Landkreis Ludwigslust e. V. und der Zebef e.V.


So vielfältig, wie diese Kooperationspartner/innen waren auch die Projekte und Veranstaltungen, durch die sich die Ludwigsluster Bürger/innen im Laufe des letzten Jahres über die Verfolgungsgeschichten und das Thema der Verfolgung und der Shoah allgemein informieren konnten. Sie reichten von Projekttagen mit Lehramtsstudierenden der FU Berlin, über Vorführungen des Films "Das Haus in der Auguststraße" von Ayelet Bargur (PDF-Dokument, 225.5 KB) im Luna Filmtheater und Gemeindenachmittage in der evangelischen Stadtkirchengemeinde. Eine kleine Gruppe von Schüler/innen, Multiplikator/innen und Bürger/innen hat zudem die Verfolgungsgeschichten recherchiert, die in der erwähnten Ausstellung im Ludwigsluster Rathaus nachzulesen waren. Zusätzlich war eine Ausstellung über übergeordnete Aspekte des NS-Regimes, wie die Jugendorganisationen und das Lagersystem, des Wahlpflichtkurses Geschichte vom Goethe-Gymnasium im Zebef zu sehen. 

Am Abend vor der Verlegung war Gunter Demnig, der Künstler, dessen Projekt die Stolpersteine sind, vom Kunst- und Kulturverein zu einem Vortrag über die Entstehung der Idee eingeladen.

Über den gesamten Zeitraum hinweg waren alle Veranstaltungen in diesem Rahmen überdurchschnittlich gut besucht. Zum Vortrag Gunter Demnigs mussten für die insgesamt 100 Zuhörer/innen noch weitere Stühle in den großen Saal des Zebef e.V. gebracht werden. Sehr viele blieben auch noch zu einem kleinen Empfang dort. Auch die Stolpersteinverlegung selbst bezeugte das große Interesse der Ludwigsluster/innen an diesem Kapitel ihrer Stadtgeschichte
 – seien sie Kinder, Jugendliche oder Erwachsene. Es waren auch Angehörige Anna Kastans anwesend. Einer von Ihnen reiste aus England an, um seine Wurzeln zu ergründen und herauszufinden, was mit seiner Familie geschah.

Vor dem Rathaus versammelten sich über 100 Ludwigsluster/innen, um dann gemeinsam die drei Stationen, Kanalstraße 10, Schweriner Straße 30 und Schloßstrasse 23/25, aufzusuchen. An jedem Haus lasen Schülerinnen des Goethegymnasiums kurze Biographien der Opfer vor, während Gunter Demnig die Steine verlegte. Spontan äußerten sich auch Zeitzeugen (Herr Heißner und Herr Ueltzen), die die Menschen als Kinder kannten oder aber deren Verfolgung teilweise miterlebten. 

Im Anschluss fand die Eröffnung der Ausstellung statt, die die Schicksale der Opfer und die historischen Zusammenhänge dokumentiert und mit Stammbäumen jüdischer Ludwigsluster Familien ergänzt. Die Stellvertretende Bürgermeisterin Petra Billerbeck eröffnete die Ausstellung. Anschließend erinnerte Anetta Kahane, der Vorstand der Amadeu Antonio Stiftung an die jetzt fehlenden Menschen, die der Verfolgung anheim gefallen sind. Sabine Grenz erläuterte schließlich die Ausstellung. Begleitet wurde die Veranstaltung durch das vom Zebef e.V. eingeladene Holzbläsertrio Trio d'ánches de Berlin, welches Musik des ebenfalls verfolgten Komponisten Alexandre Transmann spielte.

Dr. Sabine Grenz


Der Flyer zur Stolpersteinverlegung im August 2012 - Hier herunterladen! (PDF-Dokument, 1.2 MB)

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